Sonntag, 25. September 2016
Viel zu viele Eindrücke
Sonntagsbelustigung am Bahnhof: Schlangenspiele

Also ich weiß noch nicht so genau, woher Madagaskar seinen Ruf als Insel der Gewürze hat. Das Essen hier ist selten unkreativ. Leider Gottes essen sie viel Reis, können den aber nicht so gut kochen. Liegt vielleicht auch daran, dass hier überall auf Kohlen gekocht wird. Der Reis schmeckt immer geräuchert, ist oft etwas verkocht, wobei in der Mitte noch leicht „knusprig“. Nun gut. Dafür finde ich es wunderbar, dass man hier wirklich alles frittieren kann. Und wenn es nur der Ausbackteig ist, der dann als kleine Plätzchen verkauft wird. Schmeckt alles gut, braucht man ja auch nicht würzen. Immerhin sind die Pommes hier gesalzen.
Das Kochen auf offenen Kohlen hat aber auch andere Nachteile. Viele Menschen haben hier Probleme mit der Lunge, Asthma ist ein großes Thema, schon bei kleinen Kindern. Die Neugeborenen und Kleinkinder werden in Tüchern getragen (längst nicht so kunstvoll gewickelt wie bei uns, aber es funktioniert sehr gut), und sitzen auf dem Rücken der Mutter, wenn diese kocht. So riechen die Kinder dann aber eben auch. Außerdem haben hier die Einmalwindeln noch keinen Einzug gehalten, die Kinder werden in eine Stoffwindel gewickelt. Am Freitag war Badetag in der Station und diese Babies hatten es wirklich nötig. Hier riechen Babies nicht süß, sondern eher so, dass man sie gerne einmal von oben bis unten desinfizieren möchte.
Madagaskar ist aber auch als die rote Insel bekannt. Die Erde hier ist sehr rot und staubig. Man kann gar nicht richtig sauber sein, der Staub sitzt überall, färbt alles auf seine typische Art und Weise. Mein deutscher Hygienefimmel (der meiner Meinung nach eigentlich nie so ausgeprägt war) bringt mich dazu, die Untersuchungsliege zehnmal am Tag abzuwischen, weil jedesmal das Tuch absolut staubig ist. Die madagassischen Hebammen haben das längst aufgegeben, verständlicherweise.
Ach, es ist hier so vieles anders als in Deutschland! Wir waren gerade für zwei Tage im Busch, außerhalb von Tana, der Hauptstadt. Dort leben die Menschen noch ärmer und einfacher als in der Stadt. Einen Arzt sehen sie dort wochenlang nicht, das Hebammenmobil ist willkommene Abwechslung, denn es bringt nicht nur medizinische Versorgung, sondern auch Gesprächsstoff. Der Arzt hat – bei aller Liebe – leider nicht die Möglichkeit, die Patienten adäquat zu versorgen. Wir haben an zwei Vormittagen über 60 Patienten behandelt. Viele kommen mit Karies, die Zähne faulen ihnen schon in jungen Jahren ab. Der Arzt gibt ihnen ein paar Ibuprofen und Amoxicillin, ein Antibiotikum, mit. Die Therapie bei Bauchschmerzen, bei Rückenschmerzen, bei vielen Beschwerden ist dieselbe: erstmal Ibuprofen. Damit hat man schonmal etwas getan, für eine großartige Diagnostik ist sowieso nicht möglich.
Dieser Eintrag kommt eigentlich zu spät, ich wollte ihn schon einen ganzen Tag früher abschicken. Immerhin funktioniert meine Simkarte mittlerweile und ich habe mobiles Internet. Aber gestern Abend rief Tanja an, eine Zweitgebärende war in der Krankenstation. Und natürlich habe ich Lust darauf, bei einer Geburt dabei zu sein! Tanja musste dann zu einem Vorstandstreffen, so dass ich mit zwei madagassischen Hebammen die Frau betreute. Die Frau hatte eine Wehenschwäche, von Anfang an, und wurde darum von uns auf jede mögliche Art betudelt. Der Wehentropf brachte nur eine geringe Steigerung der Wehentätigkeit, also probierten wir wirklich alles andere, was uns einfiel. Leider konnte ich den Hebammen hier nicht begreiflich machen, wie toll ein Einlauf wäre (außerdem fehlte das Material und nur mit einer Tasse bewaffnet, ist es nun doch nicht so leicht), dafür machte ich liebevoll eine Bauchmassage von zwei Stunden, dann probierten wir Brustwarzenstimulation – alles mit mäßigem Erfolg. Letzten Endes war ein Positionswechsel unsere Wunderwaffe, wir zwangen sie (oh, sie wäre sehr gerne liegen geblieben!) dazu, sich etwas zu bewegen.
Als dann das Kind geboren war, fing sie direkt danach an zu bluten, als wäre ein Wasserhahn geöffnet worden. Das Problem hier: wir können zwar Oxytocin geben und die Plazenta irgendwie rausprügeln. Aber eine manuelle Lösung der Plazenta, bei der mit der Hand in die Gebärmutter eingegangen wird umso den Mutterkuchen zu lösen, wird hier prinzipiell ohne jede Art der Anästhesie gemacht und so etwas wie eine Ausschabung ist hier weit außer jeder Reichweite. Ich schreckte also vor der manuellen Lösung verständlicherweise zurück, es gelang mir trotzdem diese Plazenta zu lösen und damit vorerst die Blutung zu stoppen. Vorerst, sage ich. Denn wir legten uns dann nochmal ein paar Stunden hin (während die Frau sich in der Krankenstation ausruhte), bloß um vier Uhr dann von einer madagassischen Hebamme geweckt zu werden, dass die Frau wieder blute. Und wie! (Für alle Interessierten: der Hb war mittlerweile auf 7 gefallen). Tanja tastete dann die Gebärmutter von innen aus, ob noch Reste der Plazenta übrig seien und gab dann Kontraktionsmittel. Als auch das nicht viel brachte, und wir die Gebärmutter nur noch halten konnten und ständig anmassieren mussten, damit sie nicht aufhörte, sie zusammen zu ziehen und somit wieder losblutete, beschlossen wir, die Frau ins Krankenhaus zu bringen. Ich war bei der ganzen Sache überrascht, wie entspannt Tanja blieb. Immerhin war das nächste Krankenhaus eine halbe Stunde Fahrt entfernt und in einer halben Stunde kann viel passieren.
Letzten Endes brachten wir die Frau gut ins Krankenhaus. Ich hoffe, sie versorgen sie dort gut, denn Tanja erzählte mir, dass sie dort keine Medikamente vorrätig haben, stattdessen wird der Mann dann losgeschickt um das erforderliche zu besorgen. Wahrscheinlich würden sie dort nicht viel machen, keine Ausschabung, keine große Betreuung. Und über sowas wie Blutkonzentrate kann man hier nur müde lachen.
Man kommt hier sehr schnell an seine Grenzen. Ob es nun Cervixrisse sind, die wir selbst versorgen, Wehentröpfe, die ohne CTG-Unterstützung laufen, oder eben blutende Frauen, die man nicht richtig versorgen kann – das Team hier gibt sich alle Mühe, so viel wie möglich gestemmt zu kriegen, da die medizinische Versorgung in den Krankenhäusern nicht besser ist. Und die Frauen sind zäh und kämpfen. Unsere Frau hat keinen Mucks gemacht, weder bei unserem ständigen Herumgedrücke auf ihrem Bauch, noch bei der Austastung der Gebärmutter oder als ihr dann zunehmend schwindlig vom Blutverlust wurde. Ich finde es absolut bewundernswert, was hier geleistet wird, aber es ist oft ein Kämpfen an Grenzen des Möglichen.
Die Krankenstation, ein imposantes Gebäude - und trotzdem zu klein für die anströmenden Patienten

... comment